Wie geht es weiter mit der Digitalisierung?

In diesem Podcast-Interview erzählt der Zukunftsforscher Erik Händeler, wie es weitergeht mit der Digitalisierung: Was sind die Chancen und die Risiken und warum wird der Faktor Menschen und unsere Human Skills immer wichtiger, um Wohlstand auf der Welt zu leben?

Über Erik Händeler

Haendeler

Erik Händeler ist Wirtschaftsjournalist und Zukunftsforscher mit dem Schwerpunkt auf die Analyse und Prognose von makroökonomischen Entwicklungen.

Die Kernaussage seiner Publikationen und Keynotes hebt hervor, dass der Wohlstand unserer Wissens-Gesellschaft in Zukunft vor allem von unserem Sozial-Verhalten abhängig sein wird.

Während früher Maschinen die Produktivität steigerten, sei der Wohlstand heute nur durch eine kooperative Arbeitskultur zu heben.

 

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Erik bei Gedankentanken

Und hier ein Text von Erik zum Thema Corona:

Warum es nach der Krise um den Menschen hinter der Technik geht

Wahrscheinlich wird in den Geschichtsbüchern einmal stehen, Corona habe eine Weltwirtschaftskrise verursacht. Dabei war die Lage schon vorher instabil, mit Nullzinsen, dadurch überhitzten Vermögenspreisen von Aktien und Immobilien sowie einem hohen Verschuldungsgrad. Der Virus ist nur Auslöser für einen starken Konjunkturabschwung, den wir sowieso gespürt hätten, weil ein jahrzehntelanger Boom zu Ende gegangen ist: Die technischen Prozesse sind weitestgehend durchrationalisiert, während die zunehmenden Arbeitsabläufe zwischen Menschen nicht ausreichend produktiv sind.

 

Nach 200 Jahren Industriegeschichte bestimmen immer weniger die materiellen Faktoren den Wohlstand, sondern immaterielle Fähigkeiten: das richtige Wissen finden und anwenden, verstehen was der andere meint, mit Emotionen umgehen, Motivationen klären, Machtkämpfe im Betrieb und mit Projektpartnern transparent machen. Die Krise wird dafür sorgen, dass wir weniger in der Technik den Fortschritt suchen, sondern in den Menschen hinter der Technik: Ihrer Gesundheit, ihrer Bildung, vor allem aber in ihrer Kompetenz, produktiv zusammenzuwirken.

 

Solche Umbrüche sind ganz normal: Es gibt Zeiten, da wächst die Wirtschaft stark, weil uns eine neue Basisinnovation wie Dampfmaschine, Eisenbahn oder elektrischer Strom massiv produktiver macht. Sie spart zu ihrer Zeit Ressourcen ein, die wir für anderes verwenden können – so funktioniert Wirtschaftswachstum. Wenn die grundlegende Erfindung dann aber weitgehend durchinvestiert ist, dann werden kaum noch zusätzliche Produktivitätsreserven freigesetzt. Die Preise für die eigenen Güter am Markt werden immer leicht unterboten und fallen, die Kosten aber nicht. Wenn dann kaum noch Gewinn übrig bleibt und es nichts mehr gibt, wofür es sich lohnt, zu investieren, dann benötigen Unternehmen kein zusätzliches Geld mehr. Deswegen sinken die Zinsen gegen Null, das freie Geld geht in Vermögensgegenstände wie Aktien und Immobilien, deren Wert stark steigt. Bis im realen Leben zu spüren ist, dass das technische System stagniert. Dann rutschen die Preise, und es kommt zu einem großen Börsencrash wie 1873 beim Gründerkrach nach dem Eisenbahnbau oder 1929 nach der Elektrifizierung.

 

Auch bei uns hatte der Computer seit den 1980er Jahren Zeit und Ressourcen eingespart. Wer seine Schreibmaschine 1990 in den Keller räumte und einen 2/86er Computer kaufte, der erlebte einen gigantischen Produktivitätssprung. Wessen Computer heute 100mal schneller wird, dessen Arbeit ist annähernd um null Prozent besser geworden, weil Produktivität in stark wachsendem Maße von unscharfen Wissensvorgängen abhängt, bei der keine Technik helfen kann. Daher kommt die Instabilität, dass die Wirtschaft auch schon vor Corona nicht vom Fleck kam, obwohl wir so stark in Digitalisierung investierten – weil eben die Menschen hinter der Technik mit ihrem Verhalten nicht produktiver wurden.

 

Der Blick in die Geschichte zeigt, was in der Gesellschaft passiert, wenn ein langer Strukturzyklus rund um eine Basisinnovation zu Ende geht und die Wirtschaft mangels Gewinnmarge in einen jahrelangen Abschwung gerät, wie es der Ökonom Nikolai Kondratieff in den 1920er Jahren beschrieb: Handelskriege, Rechtspopulismus, Suche nach Sündenböcken und nach einem neuen Wirtschafssystem, Arbeitslosigkeit – das alles sind nur Symptome der Stagnation, nicht deren Ursache. Geld ist hier nur ein Spiegel der realen Vorgänge, aber es löst das Problem nicht: Nach Kondratieff kann eine tiefe Krise überwunden werden, wenn der relativ knappste Produktionsfaktor stark produktiver gemacht werden kann. Als Unternehmer nicht mehr hinterherkamen, Bergwerke zu entwässern, baten sie James Watt, ihnen eine Dampfmaschine zu entwickeln. Als Transport der Flaschenhals war, musste die Eisenbahn gebaut werden. 

 

Nun warten wieder alle auf eine neue Technik, weil - das kennen sie: Technik A durch Technik B ersetzen, und weitermachen wie bisher. Das funktioniert aber nun nicht mehr, da der größte Teil der Arbeit immaterielle Gedankenarbeit ist: Planen, organisieren; verstehen, was der andere meint; Probleme lösen, als erster vor einer Aufgabe stehen und etwas Neues entwickeln. Hier ist der knappste Produktionsfaktor entstanden: Uns behindern Grabenkämpfe, eine schlechte Streitkultur, destruktives Verhalten. Erst wenn es uns gelingt, besser mit Wissen zwischen Menschen umzugehen, werden wir ausreichend produktiv sein, um aus der Krise zu kommen.

 

Und deren Potential ist gewaltig: Die langen Jahre der Nullzinsen haben den Konsum vergrößert, der Markt für langlebige Konsumgüter wie Autos und Küchen konnte mit billigen Krediten beschleunigt erschlossen werden, was nun abbremst. Schlecht wirtschaftende Unternehmen werden nicht mehr am Leben erhalten. Das Ausland kämpft selber mit dem weggefallenden Einkommen der unteren Schichten und kauft weniger deutsche Produkte, der deutsche Export kann die Wirtschaft nicht retten wie früher. Investitionen sind in einer schrumpfenden Wirtschaft weniger nötig. Das alles macht mehr Menschen arbeitslos, so wie in jedem bisherigem Kondratieffabschwung. Wie schnell es dann wieder aufwärts geht, hängt davon ab, wie gut wir den Teil der Arbeit, der immateriell zwischen Menschen stattfindet, besser hinbekommen. Das ist keine Einzelleistung, sondern etwas Systemisches: Drei Mittelmäßige, die gut zusammenarbeiten, sind bedeutend produktiver, als der Super-Crack, bei dem es aber nicht gelingt, die Ergebnisse der Arbeitsteilung zusammenzuführen. Bildung, Gesundheit, Sozialverhalten rücken in das Zentrum der wirtschaftlichen Auseinandersetzung. Wenn sich dann der Staub der Veränderung gelegt haben wird, wird die Welt besser sein, so wie die Welt übrigens schon immer besser geworden ist.

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2 Kommentare

  1. Veröffentlich von Monika Schweisfurth am 20. Oktober 2020 um 18:47

    Liebe Meike, vielen lieben Dank für das so wertvolle Interview mit Erik Händeler.

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